Kardinal Péter Erdő Homilie in der Heiligen Messe in der Kirche Sankt Michael in München

(München, 14. Mai 2010.)

Kard. Péter Erdő
Homilie in der Heiligen Messe
in der Kirche Sankt Michael in München
(München, 14. Mai 2010.)

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Amt,
Liebe Brüder und Schwestern,

Im heutigen Evangelium lesen wir die Geschichte eines wunderbaren Fischfangs. Die Erzählung steht im Zusammenhang mit der Sendung der Apostel. Am Ende des Abschnittes sagt Jesus zu Simon: „Fürchte dich nicht; von nun an wirst du Menschen fangen“ (Lk 5,10). Aus der Geschichte des Fischfangs ergibt sich, dass die Mission der Apostel, aber auch die Sendung der Christen kein menschliches Werk ist. Die erfahrenen Fischer haben trotz Schwitzen und Mühe nichts gefangen. Und jetzt kommt der junge Meister, der seinem Beruf nach nie Fischer war, und erteilt den Fachleuten Ratschläge. In der Antwort des Petrus spürt man das radikale Vertrauen des Glaubens: „Wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen“. Das Ergebnis ist also nicht die Folge ihrer Geschicklichkeit, noch ihrer großen Erfahrung oder Bemühung, sondern der Tatsache, dass sie bereit waren, die Netze auf das Wort Jesu noch einmal auszuwerfen.
So ist die Sendung der Kirche auch heute. Der Mensch soll sich mit ganzem Herzen bemühen, die Gute Nachricht von Christus weiterzugeben. Man soll aber nicht denken, dass die Wirkung der Mission der Kirche allein ein Ergebnis menschlicher Kenntnisse und Bemühungen sei. Gottes Gnade ist stärker als unsere Fachkenntnisse, und Jesus fordert von uns volles Vertrauen. Daran liegt es also!

Über einen wunderbaren Fischfang lesen wir aber auch anderswo im Neuen Testament, nämlich bei Johannes (Jn 21,1-19). Nach der Auferstehung Jesu kehren die Jünger irgendwie doch zu ihrem alten Beruf zurück. Petrus sagt den zwei Söhnen des Zebedäus: „Ich gehe fischen“ (Jn 21,3). Das Drama dieses kurzen Satzes liegt in der riesigen Spannung zwischen den großen Erlebnissen der Auferstehung und der Erscheinungen des Auferstandenen einerseits, und dem Alltagsleben andererseits. Christus ist der Messias, er ist auferstanden. Der Glaube der Jünger war also kein Missverständnis. Sie sind nicht enttäuscht. Aber man muss auch leben. Was bedeutet das ganze Ereignis mit Christus für den Alltag? Ich gehe fischen – sagt Petrus, und die anderen gehen mit. Und fangen nichts. Dann erscheint in unsicherer Gestalt Derjenige, von dem sie trotzdem klar spüren, dass er der Herr ist. Und auf das Wort Jesu werfen sie das Netz aus. Und hier spricht man auch über den Inhalt des wunderbaren Fischfangs. Hundertdreiundfünfzig sind die großen Fische, die das Netz füllen.
Es gab Zeiten, wo die Menschen glaubten, daß hundertdreiundfünfzig Fischarten in der Welt exsistieren. Die Sendung der Jünger ist es also, die Gute Nachricht allen Völkern zu bringen. Andere deuteten diese Zahl nach ihrer mystischen Bedeutung. Wenn wir die Zahlen von eins bis siebzehn zusammenrechnen, bekommen wir hundertdreiundfünfzig. Von eins bis zehn, von elf bis siebzehn: also zehn und sieben, versinnbildlichen die Heiden und die Juden. Die Gute Nachricht soll dem auserwählten Volk und allen anderen Völkern verkündet werden. Die große Lehre dieser Erscheinung ist also die universale Sendung der Kirche. Und diese Sendung wurde schon von der ersten Generation der Apostel wahrgenommen. Und so geschieht es während der langen Jahrhunderte, die seitdem verflossen sind.

Heute zelebrieren wir hier den Gottesdienst der Nationen. Vor allem jener Nationen, die hier in Deutschland auch durch ihre Gruppen und Gemeinden vertreten sind. Es gibt einerseits eine primäre Evidenz: man soll sich sprachlich – und möglicherweise auch begrifflich – so ausdrücken, dass die Hörer die Gute Nachricht verstehen und mit Überzeugung annehmen können. Die Missionare aller Jahrhunderte haben die Sprachen der Völker erlernt, unter denen sie gearbeitet haben. Nach dem Aramäischen verkündete die Kirche das Evangelium auf Griechisch, auf Latein, auf Koptisch, Äthiopisch, Armenisch, in der Sprache der Goten. Und die zwei Schutzpatrone von Europa, St. Kyrillos und Methodios, haben den slawischen Völkern sogar das Alphabet und die Übersetzung der Heiligen Texte gegeben, damit die Verkündigung der Guten Nachricht das Herz dieser Völker erreicht. So ist es bis heute. Die Sprache ist eins der wertvollsten Mittel der Kommunikation. Jesus hat nicht nur sein Leben aus Beispiel und Opfer gegeben, sondern er hat uns auch gelehrt. Lehrer, Meister und Rabbiner wurde er genannt, sodass die Bergpredigt sogar als die Tora des Messias betrachtet werden kann . Die Kirche hat auch die Pflicht, nicht nur die österliche Freude als Gefühl zu übergeben, sondern auch die Lehre Christi zu vermitteln. Und gerade hier geht es weitgehend um die Sprache im engsten Sinne des Wortes, aber auch um die Begriffe, und die Art und Weise der Kommunikation, um den Dialog mit den verschiedenen Kulturen. In diesem Zusammenhang sprach das Lehramt der Kirche in den letzten Jahrzehnten auch über die Inkulturation.

Welchen theologischen Wert haben aber die Kulturen, und ganz konkret, die Nationen als Kulturgemeinschaften? Vor allem muss man betonen, dass sie theologisch nicht ohne Bedeutung sind. Wenn man heute den Reichtum der Schöpfung, die Verschiedenheit der Pflanzen- und Tierarten – sehr richtig! – hochschätzt, und zwar auch wegen der Würde der ganzen Schöpfung und aus Dankbarkeit dem Schöpfer gegenüber, dann sollten wir heute umso mehr auch die Vielfalt der menschlichen Kulturen und Sprachen schätzen. Unermesslicher Reichtum der Erfahrungen und der Kreativität der menschlichen Gemeinschaften steckt in den Sprachen und Kulturen der Völker. Dies soll – soweit möglich – auch von der Verkündigung und der pastoralen Arbeit berücksichtigt werden. Darum müssen wir den deutschen Diözesen danken, dass sie die pastorale Betreuung der Nationalitäten der Einwanderer, der sich in Deutschland für Studien und Arbeit aufhaltenden Ausländer ermöglichen und unterstützen.

Es geht nämlich nicht nur um die Sprachkenntnisse der Ausländer, sondern auch um die Anerkennung der kulturellen Identität einer Gemeinschaft, in der man sich zu Hause fühlt, in deren Zusammenhang man auch für den Glauben ansprechbar ist. Der Vielfalt der Sprachen und der Nationen wird vom Christentum nicht ausgelöscht, sondern durch den Heiligen Geist für die Begegnung und für die Verständigung eröffnet. In der Beschreibung der Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten lesen wir in der Apostelgeschichte (Apg 2,1-13), dass die verschiedenen Völker die Apostel verstanden haben. Das Zusammentreffen in der Vielfalt durch den Heiligen Geist bedeutet also eine wunderbare innerliche Einheit nicht trotz, sondern eben in der Verschiedenheit. Wir lesen sogar in der Apokalypse: ich sah „eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen, und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Throne und vor dem Lamme“ (Ap 7,9). „Ihre Eigentümlichkeiten werden zu einem Aufruf zur pfingstlichen Brüderlichkeit, wo die Unterschiede vom Heiligen Geist ausgeglichen sind und die Liebe sich in der Annahme des anderen verwirklicht” . Der Heilige Stuhl ermutigt sogar die Kirche, die spezifische, volkstümliche Religiosität der Ausländer nach Möglichkeit zu berücksichtigen .

Die Berufung der Kirche, das Evangelium allen Völkern zu verkündigen, eröffnet aber eine noch breitere Perspektive. Die Frage ist nämlich das Verhältnis des Evangeliums zu den Kulturen. Einerseits muss man die richtige Sprache der Verkündigung in den verschiedenen Zeiten und Kulturen leidenschaftlich suchen. Und dabei hilft uns der Heilige Geist. Andererseits gibt es Wahrheiten unseres Glaubens, die die Gedankenwelt der verschiedenen Kulturen sogar auch verändern. So zum Beispiel der Begriff der Person, der sich eben im Nachdenken über das Mysterium der göttlichen Dreifaltigkeit weiterentwickelt hat, oder die Tatsache, dass die Kirche den Bekehrten schon aus der hellenistischen Welt die großen Ereignisse der Heilsgeschichte aufgrund des Alten Testamentes beibringen musste, damit diese Menschen die Bedeutung der Nachricht über Jesus den Christus begreifen können. Daran erinnert uns jedes Jahr die Liturgie der Osternacht, in der die biblischen Lesungen die Taufkatechese der alten Kirche in Erinnerung rufen.

Beten wir also in dieser heutigen Messe um das Licht und die Kraft des Heiligen Geistes, damit wir mit unserem Dienst in der Mission und in der pastoralen Betreuung der verschiedenen Völker und Gemeinschaften auch ein authentisches Zeichen und ein Mittel der alle Menschen erlösenden, göttlichen Liebe werden. Amen.

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