Nationalfeiertag mit Festgottesdienst und Prozession

Den Festgottesdienst in der Budapester Stefansbasilika leitete Kardinal-Primas Peter Erdö, der Kölner Erzbischof, Kardinal Meisner hielt die Predigt. Anwesend waren mehrere Mitglieder der Bischofskonferenz. Mitzelebrant waren Erzbischof Joachim Meisner und Juliusz Janusz, apostolischer Nuntius.

Teilgenommen haben László Sólyom jetztiger und Ferenc Mádl ehemaliger Staatspräsident, mehrere Vertreter des öffentlichen Lebens. Am Platz vor der Basilika versammelten sich Tausende Gläubige, viele verfolgten das Ereignis mit hilfe der Live-Übertragung. Am Anfang begrüßte Péter Erdő die Anwesenden.

Kardinal Meisner betonte in seiner Homilie: Das Lebensschicksal des heiligen Stephan zeigt, dass die Urzelle von Nation, Staat und Kirche die Familie ist. Die Familie ist vor dem Staat. Sie ist älter als die Gesellschaft. Ehe und Familie heilig, und es ist die Aufgabe der Kirche und des Staates, sie zu schützen, zu fördern und zu verteidigen, wo es nötig ist – betonte der kölner Erzbischof.

Der heilige Stephan gehört zu den ganz großen Vätern unseres abendländischen Kontinentes. Unsere Aufgabe wäre es, seine Spuren auf den Straßen Europas zu sichern, damit viele Menschen, namentlich die Verantwortung für Europa tragen, seine Spuren finden und ihnen folgen, zum Heile ihrer Völker, zum Segen für Europa  – so Kardinal Meisner.

* * *

Predigt zum Fest des hl. Stephan von Ungarn in Budapest wörtlich:


am 20. August 2009

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Des Öfteren hört man unter uns Christen, dass man gar kein Heiliger wer-den möchte, man wäre schon sehr zufrieden, wenn man ein Normalchrist ist. Aber in den Augen Gottes sind die Heiligen die Normalchristen. Und darum bleiben sie für uns interessant, indem sie uns zeigen, dass Heiligkeit unter allen Lebensumständen möglich ist. Seit Kindheitstagen gehört der hl. Ste-phanus zu meiner Großfamilie, in der ich aufgewachsen bin. Ich fühlte mich ihm immer verwandt, weil ich auch ein Christ wie er bin und weil ich zu der-selben Kirche gehöre, die er so gefördert hat. Die Heiligen des Himmels ma-chen uns mit der Erde vertraut. Bevor ich im Geographieunterricht hörte, wo Ungarn liegt, kannte ich Ungarn schon über die Beschreibung des hl. Ste-phanus in meiner Heiligenlegende. Hier lernte ich, dass die Heiligen gar keine fremden Leute sind, sondern dass sie zu uns gehören und wir zu ihnen und dass wir von ihnen lernen können, ebenfalls Heilige zu werden, das heißt, Normalchristen in den Augen Gottes.

1. Worum ich den hl. Stephan beneidet habe, waren nicht seine Königskrone und sein Königsreich, sondern seine Familie. Er musste ja fast ein Heiliger werden, da er aus einer Familie stammt, in der es lauter Heilige gab. Seine Gattin, die selige Gisela von Passau, war eine Schwester des hl. Kaisers Heinrich II., und seinen Sohn Emmerich verehren wir eben-falls als einen Heiligen. Der hl. Adalbert von Prag oder Gnesen hat ihn gefirmt. Die Überlieferung verlegt sogar seine Firmung durch den hl. Adalbert nach Köln, was natürlich für mich als Erzbischof von Köln eine ganz besondere Ehre ist.

Ungarn ist durch den christlichen Glauben zu einer europäischen Nation geworden, die das Evangelium tief in unseren Kontinent hineingeschrie-ben hat. Das Lebensschicksal des hl. Stephan zeigt, dass die Urzelle von Nation, Staat und Kirche die Familie ist. Die Familie ist vor dem Staat. Sie ist älter als die Gesellschaft. Die Familie bekommt ihre Bedeutung, ihre Rechte und ihre Würde nicht erst durch staatliche Gesetzgebung, sie ist von ihrem Ursprung her, gleichsam von Geburt aus, den gesellschaft-lichen Gruppierungen vorgeordnet. Hier an dieser Stelle wird besonders deutlich: Die wesentlichen Grundlagen, die unsere europäischen Zivili-sationen konstituieren, sind ihr vorgegeben. Sie sind Konstanten, die es zu beachten gilt und denen Geltung verschafft werden muss, und zwar um des Gemeinwohles willen. Nach der Schöpfungsordnung Gottes besteht die Familie aus einer Frau und einem Mann, die in der Ehe miteinander verbunden sind und aus deren Verbundenheit ihnen Kinder geschenkt werden, sodass aus der Ehe die Familie wird. Diese wiederum in ihrer Dreiheit sind ein Abbild des dreifaltigen Gottes. Darum sind Ehe und Familie heilig, und es ist die Aufgabe der Kirche und des Staates, sie zu schützen, zu fördern und zu verteidigen, wo es nötig ist.

Der hl. Stephan ist nur als Glied einer Familie, namentlich einer heiligen Familie, zu verstehen. Nach ihrem Modell versuchte er dann, sein König-reich zu bauen und zu gestalten. Durch ihn und seine Familie wurde Un-garn das liebenswürdige Land, gesegnet durch Schönheit, Fruchtbarkeit und den Fleiß vieler guter Menschen, aber auch geheiligt durch fromme Menschen, durch heiligmäßige Familien, Mütter und Väter, durch heilige Priester, Mönche und Bischöfe.

Das Fest des hl. Stephan 2009 ist nicht ein Ereignis frommer Nostalgie, wo wir wehmütig in die Vergangenheit schauen und leidvoll bekennen: Das war einmal. Nein! – Im Haushalt Gottes geht nichts verloren! Was einmal darin investiert ist, das kann jederzeit wieder zum Leben erweckt werden, damit es viele Früchte bringe. Gott erwartet vom Ungarn des 21. Jahrhunderts, dass es ein Volk werde oder bleibe, in dem die Menschen durch die 10 Gebote geschützt und der Schöpfung Ehrfurcht entgegenge-bracht wird. Europa braucht die Ungarn als ein im Leid und durch Krieg und Not bewährtes Volk, das sich nie hat unterkriegen lassen.

2. Der hl. Stephan hat sein Land der Muttergottes für immer zum Geschenk gemacht. Er hat es gleichsam als Verwalter oder Vertrauensmann auf Zeit aus ihren Händen übernommen, um es nach ihrem Gutdünken zu verwalten. In einer solchen Staatsauffassung konnte sich nie der so ge-nannte Westeuropäische Absolutismus etablieren, wo der König sagt: „Der Staat, das bin ich“. Der hl. Stephan hätte eher gesagt: „Mein Kö-nigtum ist Maria“. Er wusste sich als König als Verwalter eines Landes mit jenen Menschen, die ihm nicht gehören, die ihm nur zu guten Händen als Verwalter übertragen worden sind. Hätte sich diese Staatsauffassung durch das Mittelalter in die Neuzeit durchgetragen, wäre der europäi-sche Kontinent vor unsäglichem Leid und großer Not verschont geblie-ben. Die Stephanskrone wusste der hl. Stephan immer als Symbol des ihm von Maria übertragenen Eigentums. Vor ihr trug er Verantwortung für sein Land und die Menschen darin, die ihm anvertraut waren.

Das letzte Vermächtnis des Herrn vom Kreuz herab an die Menschen war Maria, indem er im Blick auf Maria zu Johannes sagte: „Siehe, deine Mutter!“ und dann heißt es in der Schrift: „Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“ (Joh 19,27). Das gilt für den hl. Stephan. Er nahm Maria in sein königliches Haus auf, und damit machte er Un-garn zu einem Marienland und er selbst und seine Landsleute wurden Schwestern und Brüder Mariens und damit Jünger Jesu. Der Herr sagt seinen Jüngern: „Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,50). Darum sorg-te der hl. Stephan, dass Maria auch sichtbares Wohnrecht in seinem Kö-nigreich bekomme. Und so erbaute er in den Städten und Dörfern Un-garns Kirchen und Kapellen, in denen das Bild Mariens verehrt wurde und wo den Ungarn deutlich wurde: Maria ist eine von uns. Sie ist eine Ungarin, und wir gehören zu ihr. Diese Identifikation zeichnete das un-garische Volk vor vielen anderen Völkern Europas aus. Das verlieh Un-garn eine Würde, die nie verloren ging, auch nicht in den tragischen Jah-ren des Hitlerfaschismus und der kommunistischen Okkupation. Darum blieb auch in diesen furchtbaren Zeiten das Stephanusfest am 16. August erhalten, auch wenn es dann den Namen „Tag der Verfassung“ erhalten hat. Damit bestätigten die Gottlosen indirekt, dass dieses Volk seine Fas-son, seine Verfassung, dem hl. Stephan zu verdanken hat, der sich seit 1000 Jahren mit diesem Land und Volk identifiziert, und dieses Volk und Land möge sich in Gegenwart und Zukunft mit dem hl. Stephanus identi-fizieren. Das ist der sicherste Weg in eine gesegnete Zukunft für Ungarn. Das königliche Erbe, das die Ungarn seit dem heiligen Stephan prägt, ist ihre mutige Solidarität mit allen Bedrängten. Euch Ungarn schulden wir in Deutschland und in Europa Dank und Solidarität für euren tapferen Einsatz vor 20 Jahren bei der Beseitigung des Eisernen Vorhangs.

3. Sorgenkind Nummer eins für den hl. Stephan wäre heute und ist für uns heute der Mensch. Der Mensch, die Krone der Schöpfung, hat sich weit-hin seiner eigenen Krone beraubt und sie von sich geworfen. Der Mensch möchte der Schmied seines eigenen Glücks sein. Das überfordert ihn ü-ber alle Maßen. Denn der Mensch ist als Maß des Menschen zu klein. Der Mensch ist mit der Erde allein nicht glücklich zu machen. Der Mensch ist als Ebenbild und Gleichnis Gottes erschaffen. Darum sagt der deutsche Theologe Romano Guardini: „Nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen“. Und nur, wer um den Himmel weiß, der weiß auch um die Erde. Aber weil viele Menschen heute das Gedächtnis daran ver-loren haben, ist der Mensch besonders an seinem Lebensanfang und an seinem Lebensende von einer besonderen Verlorenheit bedroht. Der Mensch, auch in seinem Embryonalzustand, ist Mensch. Er entwickelt sich nicht erst zum Menschen, sondern als Mensch. Ihm gilt die Zusage des dreifaltigen Gottes: Du bist mein vielgeliebtes Kind, an dem ich mein Wohlgefallen habe. Darum hat ihm Gott gleichsam den sichersten Platz auf dieser Welt gegeben, nämlich den Platz unter dem Herzen der Mut-ter. Leider ist das heute ein gefährlicher Ort für das ungeborene Kind geworden. Hier soll der hl. Stephan seine ungarischen Landsleute aufrüt-teln, dass sie sich schützend vor die ungeborenen Kinder ihres Volkes stellen, und damit wird eine glückliche und gesegnete Zukunft den Un-garn garantiert. Und auch am Lebensende ist der Mensch heute in viel-facher Weise gefährdet, indem in manchen westeuropäischen so genann-ten Zivilisationen auch Hand an unheilbar kranke Menschen gelegt wird. Euthanasie ist eine unheimliche Praxis geworden. Der Mensch soll nach dem Willen Gottes an der Hand des anderen Menschen sterben, aber nicht durch seine Hand! In Ungarn sollte es wieder heißen: „Hier ist gut zu leben und gut zu sterben“, das bedeutet: Hier ist der eine dem anderen der Nächste, der für ihn eintritt im Leben und im Sterben.

Der hl. Stephan war und ist der erste Bürger seines Volkes, auch heute noch. Und er ist der erste Heilige seines Volkes. Seine Wirkungsge-schichte geht bis in die Gegenwart hinein. Darum sind wir ja heute in Budapest versammelt, um uns von seinem rechten Arm und seiner rech-ten Hand den Weg weisen zu lassen in das vielgepriesene und erwartete neue gemeinsame Europa. Der hl. Stephan gehört zu den ganz großen Vätern unseres abendländischen Kontinentes. Unsere Aufgabe wäre es, seine Spuren auf den Straßen Europas zu sichern, damit viele Menschen, namentlich die Verantwortung für Europa tragen, seine Spuren finden und ihnen folgen, zum Heile ihrer Völker, zum Segen für Europa! Amen.

Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

* * *


Stefan von Ungarn wurde 969 als Sohn des Árpádenfürsten Géza geboren, von einem Priester aus der Diözese Passau getauft und vom Heiligen Adalbert von Prag gefirmt. 995 heiratete er Gisela, Schwester des römischen Kaisers Heinrich II. aus dem Geschlecht der Ottonen. 997 folgte er seinem Vater als Fürst der Ungarn und trieb die Christianisierung voran, indem er zwei Erzdiözesen, acht Diözesen und zahlreiche Klöster gründete. Im westlichen Teil Ungarns – südlich und westlich der Donau – geht die Evangelisierung zwar schon auf die römische Zeit zurück und ist damit um fast ein Jahrtausend älter, nach der "Landnahme" durch die Magyaren markierte aber das Jahr 1000
die offizielle Christianisierung des Staates.

Am Weihnachtstag des Jahres 1000 wurde Stefan in Esztergom zum ersten König von Ungarn gesalbt und gekrönt. In seinen Dekreten verordnete er unter anderem die Heiligung des Sonntags. Stefan starb am 15. August 1038 und wurde in der von ihm erbauten Kirche von Székesfehérvár (Stuhlweißenburg) beigesetzt. Am 20. August 1083 wurde er heilig gesprochen. Der Jahrestag seiner Heiligsprechung ist ungarischer Nationalfeiertag, der auch in den kommunistischen Zeiten – wenn auch als "Tag des neuen Brotes und der Verfassung" umbenannt – beibehalten wurde. Seit der Wende kann er wieder mit der Prozession, in der die unversehrt erhaltene Handreliquie des heiligen Königs feierlich durch die Straßen um die Basilika getragen wird, gefeiert werden.

Magyar Kurír

Foto: István Cser, Sándor Csabai

© Híreink „Magyar Kurír” forrásmegjelöléssel szabadon felhasználhatók.
Cimkék:

Magyar Kurír Szerkesztőség | Postacím: 1364 Budapest, Pf.: 41. | Tel.: 479-20-20 Fax: 479-20-21 | E-mail: mk@katolikus.huImpresszum | Médiaajánlat