Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Der Titel des heutigen Kolloquiums ist: „Perspektiven der Politik und Religion zur Versöhnung zwischen Ungarn und der Slowakei“. Im Folgenden möchte ich zu dieser Frage einen kurzen Beitrag leisten, und zwar aus dem Gesichtspunkt der ungarischen Katholiken.
Das Jahr 2006 war für uns in unseren Bemühungen für diese Versöhnung sehr wichtig, sogar – nach meiner Überzeugung – entscheidend. Die Versöhnung als solche ist in ganz Europa nicht nur notwendig und aktuell, sondern vielleicht sogar möglich. Wir leben in einer historischen Stunde der Gnade. Es herrscht Frieden in unserem Kontinent. Die Europäische Union ist wiederholt erweitert worden. Diese Tatsache ist – obwohl die menschlichen und geistlichen Möglichkeiten dieser Entwicklung bisher leider noch gar nicht ausgenützt worden sind – schon eine grosse Chance, die uns von der Geschichte, von der göttlichen Vorsehung gegeben wurde. Die Bewegung der einzelnen Menschen, der Kulturgüter, der wirtschaftlichen Tätigkeit ist viel freier geworden. Es ist also leichter als früher für die Völker und religiösen Gemeinschaften, einander wirklich kennen zu lernen. Und wahre und gegenseitige Kenntnis stärkt die Empathie, das Verständnis und die Versöhnung. Wir dürfen uns aber nicht irren: es wäre oberflächlich, aufgrund eines ethischen Intellektualismus zu glauben, dass wahre Kenntnis automatisch zur Versöhnung und zu rechtem Handeln führt. Die menschliche Entscheidung bleibt uns nicht erspart. Die Wahrheit gibt uns aber die Freiheit, richtige und begründete Entscheidungen zu treffen.
So suchen wir auch die Einheit der Christen in Europa und in der Welt. Wir sehen in diesem Moment die Ökumene in Europa in einer guten Verfassung. Vor allem – und das ist wichtig – in einer guten Stimmung. Man kennt einander, das bereichert uns. Das gilt nicht nur für Katholiken und Orthodoxe, oder für Katholiken und Protestanten. Nein, auch Protestanten und Orthodoxe unterschiedlicher Nationalität sind miteinander im Gespräch. Es ist zum Beispiel klar, dass man im Rahmen unseres Pilgerweges der Europäischen Ökumenischen Versammlung, die im September in Sibiu (Hermannstadt) stattfinden wird, nicht grundlegende kontroverstheologische Fragen klären kann. Aber hier ist Vertrauen gewachsen, und hier wächst Vertrauen.
Bei der 1. Europäischen Ökumenischen Versammlung 1989 in Basel dominierte das Thema Bewahrung der Schöpfung. 1997 in Graz ging es vor allem um den Versöhnungsaspekt. Vor der 3. Versammlung im September in Sibiu ist dieses Leitthema noch immer wichtig.
Der Gedanke der Versöhnung ist nach wie vor aktuell und muss im Mittelpunkt stehen. Denken Sie zurück an den Briefwechsel der katholischen deutschen und polnischen Bischöfe, der vor Jahrzehnten stattgefunden hat. Er war für die Beziehungen beider Länder richtungsweisend. In einer Reihe mittel- und osteuropäischer Staaten laufen ganz aktuell solche Versöhnungsprozesse, die zum Teil schwierig sind. Die Kirchen in Ungarn und der Slowakei, um ein Beispiel zu nennen, haben dieses Vorbild aufgegriffen, bis in die Formulierung hinein: „Wir bitten um Vergebung, und wir gewähren Vergebung.“
Am 29. Juni 2006, am Fest des heiligen Petrus und Paulus haben also die katholischen Bischöfe Ungarns und der Slowakei gegenseitig Vergebung gewährt und um Vergebung gebeten. In der Basilika von Esztergom feierten Vertreter der beiden Bischofskonferenzen einen Versöhnungsgottesdienst. Die Predigt hielt der Vorsitzende der Slowakischen Bischofskonferenz, Frantisek Tondra. Während des Gottesdienstes wurden die Briefe beider Konferenzen über Versöhnung und Zusammenarbeit auf dem Hauptaltar der Kathedrale unterzeichnet und eine Segensbotschaft Papst Benedikts XVI. verlesen. Dieser Tag war für uns unvergesslich: die Kathedrale war voll von ungarischen und slowakischen Gläubigen und Priester und die Lesung der Messe wurde sogar von dem Botschafter der Slowakischen Republik vorgelesen. Auch Vertreter der ungarisch-sprachigen Minderheit aus der Slowakei waren in großer Zahl dabei.
Die Erhabenheit und die Dichte dieses Momentes versteht man erst, wenn man bedenkt, dass die beiden Völker eine übertausendjährige gemeinsame Geschichte haben. Die Mitglieder dieser Völker arbeiteten aber als Katholiken schon in der Christianisierung unserer Region zusammen und haben durch lange Jahrhunderte gemeinsame kulturelle, wirtschaftliche, aber auch spirituelle und religöse Werte geschaffen und vertreten. Obwohl diese beiden Völker gegeneinander keinen Krieg geführt haben, sondern eher eine gemeinsame Abhängigkeit von der Grossmächten erfahren haben, haben manche Mitglieder dieser Völker einander viel Leiden verursacht.
Seit der Wende zählte zu den Streitpunkten etwa die Situation der starken ungarischen Minderheit in der Slowakei. Wie die ungarische Bischöfe in ihren Brief betonten: "Uns verbinden mehr als tausend Jahre gemeinsamer Geschichte." Diese Geschichte ist oft die Geschichte gemeinsamen Leidens gewesen. Der gemeinsame katholische Glaube verbindet uns aber, und die Person Jesu Christi zeigt uns die Ideale des gemeinsamen Weges. Die ganze Menschheit, und auf eine besondere Weise unser altes Europa, und ganz spezifisch die mitteleuropäische Region braucht Christus, um die geistliche und gesellschaftliche Erschöpfung, den Verlust der Illusionen, die Zukunftslosigkeit und die Depression zu überwinden. Und unsere Völker brauchen uns Christen nicht nur als zuverlässige Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft – schon dies würde eine solche Verantwortung und ein solches Solidaritäts- und Gerechtigkeits-Gefühl erfordern, wie es heute ziemlich selten ist – sondern die heutige Welt braucht uns ganz besonders als Christen, das heißt, insofern wir zu Christus gehören. Diese Berufung zur gemeinsamen Mission und zum gemeinsamen Zeugnis ist für uns viel wichtiger als die Wunden der Vergangenheit und die manchmal noch bestehenden Schwierigkeiten der Gegenwart. In seiner Predigt in unserer gemeinsamen Messe hat Bischof Tondra wörtlich erklärt: "Die Katholiken beider benachbarter Länder bekennen, dass sie eins sind in Christus. Wir sind eine einzige Kirche." Daher will man das Negative aus der Vergangenheit beiseite lassen und das Positive "auf dem Gebiet des geistlichen Lebens und der Kultur, zur gegenseitigen Bereicherung anwenden" und einander helfen.
Im Moment dieser Versöhnungsmesse war die Reaktion der Medien der beiden Länder ziemlich schwach. Man hatte fast dasselbe Gefühl, wie am Anfang der 70-er Jahre. Wir waren Seminaristen, und während einer grossen Überschwemmung der Tisza riefen die Behörden die Bevölkerung auf, freiwillige Arbeiter auf eine sehr gefährdete Strecke zu schicken. Die Seminaristen haben sich gruppenweise gemeldet. Die Antwort war jedoch, man brauche unsere Hilfe nicht, es wäre nämlich eine unerwünschte Propaganda.
Wenige Tage nach unserer ungarisch-slowakischen Versöhnungsmesse sind aber einige nationalistische Zwischenfälle passiert, die unserer Überzeugung nach nicht die Gefühle der beiden Völker ausdrückten, sondern eher eine Art Provokation darstellten. Und in diesem gespannten Moment haben unsere slowakischen Brüder im bischöflichen Amt die richtige Worte der Beruhigung gefunden und nationalistische Gewalttaten jeder Art zurückgewiesen. Für die ungarischen Bischöfe war dies eine tiefe Freude und eine grosse Stärkung. Die Worte der Versöhnung waren nicht bloss ein Austausch von Höflichkeitsformen, sondern sie drückten einen festen Willen und eine tiefe christliche Überzeugung aus. Für uns Christen ist also die Versöhnung nicht nur Taktik oder Opportunität, sondern eine direkte Form unseres Glaubens. Und diese Bemühungen dürfen wir nicht aufgeben, auch wenn sie von der Gesellschaft und Öffentlichkeit nicht immer geschätzt oder anerkannt werden. Jeder sieht, dass die Versöhnung notwendig ist. Wir müssen dafür ständig und mit christlicher Hoffnung arbeiten.
In Esztergom haben wir ein nach dem heiligen Adalbert benanntes Zentrum errichtet, das das Thema der Forschung unserer gemeinsamen Geschichte grenzübergreifend für die Länder der Region voranbringt. Wir haben auch einen gemeinsamen Traum: einmal ein Geschichtsbuch für die katholischen Schulen oder Gymnasien in Zusammenarbeit herauszugeben. Die eine und objektive Wahrheit wird nämlich in der Erinnerung der Völker aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen. Wenn diese Sichtweisen der Wahrheit treu sein wollen, können sie einander nicht unversöhnlich widersprechen, sondern sie müssen sich ergänzen und bereichern.
Christus ist die Wahrheit und die Liebe. Er möge uns Allen Hoffnung und Zukunft geben.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.